Okt 7th, 2008
Zuckerberg in Berlin: Eine nüchterne Nachbetrachtung
Facebook will bekanntermaßen in Deutschland groß raus kommen und die Platzhirsche StudiVZ und Wer-kennt-wen vom Thron der Social Networks verdrängen. Auch auf XING ist ein Angriff geplant, da sich Facebook laut gestriger Aussage des Gründers Mark Zuckerberg nicht nur als Studentenplattform versteht, sondern durchaus auch private und geschäftliche Netzwerke verbinden will. Es ist also mit reichlich Gegenwind zu rechnen. Die Kriegskassen der anderen Marktteilnehmer sind voll und man hört, dass auch hier in den nächsten Monaten einiges an Innovationen zu erwarten ist.
Der Einstieg in Deutschland kommt zwar reichlich spät, nachdem Facebook international bereits über 100 Millionen angemeldete Nutzer hat - und in Deutschland nur eine Million. Aber besser spät als nie. Und andererseits hat Facebook auch einiges mehr zu bieten, als die Angebote am deutschen Markt.
Gestern war die Berliner Kickoff-Veranstaltung für die Facebook-Deutschland-Kampagne. Organisiert wird die ganze Aktion vom kleinen Berliner Startup Smaboo. Das sind innovative Leute aus der Ambient-Werbeszene. Im Kern verdienen sie ihr Geld damit, Studenten zu vermarkten, die die Werbefläche auf der Rückseite ihrer Notebooks vermarkten (und dazu noch Flyer verteilen etc.). Die Facebook-Kampagne setzt im Wesentlichen auf die viralen Fähigkeiten von jeweils 100 “Botschaftern” in München und Berlin, die unentgeltlich gegeneinander antreten. Wer im Kampagnen-Zeitraum (ab 15. Oktober) die meisten neuen Facebook-Nutzer geworben hat, hat gewonnen und bekommt eine große Party geschmissen. Zwischendurch werden noch jede Woche Preise wie iPhone verlost und am Ende dürfen fünf Teilnehmer über den großen Teich zu Facebook fliegen und sich dort alles genau anschauen. Soweit die Theorie.
In der Praxis stelle ich mir dann doch Fragen über die Ernsthaftigkeit des Markteinstiegs und über die finanzielle Ausstattung der Kampagne. Da kommt ein Web 2.0-Milliardär und Chef über mehr als 600 Mitarbeiter nach Deutschland und spricht zu seinen Jüngern, die dafür ein ziemlich billig wirkendes T-Shirt, blaue Gummiarmbändchen und einen Facebook-Aufkleber bekommen. Anschließend gibt’s für alle noch Wasser, Fanta und Cola aus transparenten Plastikbechern und dazu Flips, Chips und Salzstangen. Keine Stunde nach Ende der Veranstaltung steigt Herr Zuckerberg in die Langversion einer schwarzen S-Klasse und lässt sich davon fahren. Von den 441 angemeldeten Teilnehmern waren nach eigener Schätzung deutlich weniger als die Hälfte da. Von den 100 Botschafter-”Planstellen” sind einige “absichtlich” noch nicht vergeben, “damit Ihr Eure Freunde auch noch zum Mitmachen begeistern könnt”.
Wie ernst gemeint kann so eine Kampagne sein? Soll sie nur vermeintliche Copycat-Mitbewerber einschüchtern, um Übernahmeverhandlungen zu beschleunigen? Davon ablenken, dass im Hintergrund etwas viel größeres vorbereitet wird? Oder ist es den Herren in Palo Alto doch nicht so ernst mit dem Einstieg in Deutschland? Die Möglichkeiten für eine “richtige” Kampagne haben sie jedenfalls.
Nun gut. Ich bin gern Botschafter, weil ich vom Angebo von Facebook überzeugt bin. Ich glaube an das Potenzial der Plattform und nutze sie mit Begeisterung. Bei der Kampagne mache ich mit, weil ich das für eine schöne Gaudi halte. Es wird sicher Spaß machen und auch einigen Staub aufwirbeln. Dass Facebook allerdings allein damit den deutschen Markt umkrempeln kann, glaube ich bei allem Wohlwollen für das Engagement der Leute von Smaboo und dem Glauben an eine User-Generated-Campaign jedoch nicht.
